Emotionen sind ein hoch adaptives, evolutionsbasiertes Informationsverarbeitungssystem, das uns hilft, Probleme, die in der Interaktion mit der Umwelt auftreten, schnell und flexibel zu lösen. Im Kern informieren Emotionen uns über unsere Bedürfnisse und darüber, ob sie in bestimmten Situationen erfüllt werden oder nicht. Gleichzeitig stellen sie als primäres Motivationssystem adaptive Handlungstendenzen zur bestmöglichen Anpassung im Sinne unserer Bedürfnisse bereit. So informiert uns Angst beispielsweise darüber, dass unser Bedürfnis nach Sicherheit nicht hinreichend befriedigt ist und motiviert uns zum Verlassen, Vermeiden oder Verändern der gefährlichen Situation. Aversive Emotionen motivieren uns Situationen zu verlassen, zu verändern oder zu meiden, angenehme Emotionen motivieren uns Situationen aufzusuchen oder aufrecht zu erhalten. So sind es beispielsweise positive Gefühle, die uns motivieren Bindungen zu suchen und aufrecht zu erhalten. Darüber hinaus geben Emotionen den Erfahrungen in unserem Leben seine Bedeutung und spielen eine zentrale Rolle in der Ausformung unserer Identität.
Emotionen sind also grundsätzlich adaptiv, können aber durch aversive oder traumatische Umstände in unserer Entwicklung problematisch werden. Erfahrungen von wiederholter Entwertung und Nichtbeachtung durch wichtige Bezugspersonen in der Kindheit können z.B. zu tiefgreifenden, oft unterregulierten Scham- und Wertlosigkeitsgefühlen führen, die sich bis ins Erwachsenalter hinein fortsetzen und oft schwer zu regulieren sind. Sind Kinder in ihrer Entwicklung überflutenden aversiven Emotionen ausgesetzt und erhalten keine Unterstützung bei der Regulation oder werden gar beschämt, so kann dies zu genereller Emotionsvermeidung und dazu führen, dass Emotionen kaum mehr wahrgenommen werden.
Wenn sich also aufgrund aversiver Erfahrungen maladaptive emotionale Schemata entwickeln oder Menschen im Verlaufe ihrer Entwicklung den Zugang zu ihren adaptiven Emotionen verlieren, führt dies nahezu unweigerlich dazu, dass wichtige Bedürfnisse auf der Strecke bleiben. Dann sind negative Auswirkungen auf das psychische Wohlbefinden vorprogrammiert.
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