Wenn Menschen in die Therapie kommen, berichten sie häufig von problematischen Gefühlen, wie beispielsweise depressiver Hoffnungslosigkeit oder Ängsten. Solche Gefühle sind zumeist Symptome einer blockierten oder unzureichenden emotionalen Verarbeitung. Sie stellen in der Regel eine Schutzreaktion gegen tieferliegende Emotionen dar, die schmerzhaft sind oder als zu bedrohlich erlebt werden. Sie werden sekundäre Emotionen genannt. Sekundär deshalb, weil sie eine Reaktion auf grundlegendere Emotionen darstellen.
Diese grundlegenderen Emotionen werden entsprechend primäre Emotionen genannt. Sie sind sozusagen die erste unmittelbare Bauchreaktion einer Person auf eine Situation. Primäre Emotionen können sowohl adaptiv, als auch maladaptiv sein. Ein Beispiel für eine maladaptive primäre Emotion ist oben beschriebenes Schamgefühl, das ein Mensch als Reaktion auf die erlebte Entwertungen durch die Eltern entwickelt hat und das ihn bis ins Erwachsenenalter hinein, obgleich sich die Umstände verändert haben. Ein Beispiel für eine primär adaptive Emotion ist Ärger und damit verbundenes grenzen setzendes Verhalten als Reaktion auf eine unangemessene Behandlung durch andere. Alleine primär adaptive Emotionen informieren verlässlich über aktuelle Bedürfnisse (in diesem Falle die Wahrung der eigenen Grenzen und des eigenen Wertes) und stellen adaptive Handlungsimpulse zur Verfügung.
Der erste Schritt im Therapieprozess besteht meist darin, sekundäres emotionales Erleben auszudifferenzieren und zugrundeliegendes primäres, meist maladaptives, Erleben zu aktivieren. So mag ein Patient, der gerade Probleme im beruflichen Bereich durchlebt, vornehmlich depressive Hoffnungslosigkeit empfinden (sekundäre Emotion). Im Rahmen der geschützten therapeutischen Beziehung kann er schließlich zugrunde liegende Scham und Wertlosigkeitsgefühle (primär maladaptive Emotion) wahrnehmen, zulassen und in Worte fassen. Einem wichtigen Prinzip der Emotionsfokussierten Therapie folgend, dass man erst an einem Ort ankommen muss, bevor man ihn verlassen kann, geht es zunächst um die Verbesserung der Verarbeitung der oft vermiedenen Emotion. Sie muss akzeptiert, symbolisiert, reguliert, ausgedrückt und verstanden werden, bevor sie durch die Aktivierung adaptiveren emotionalen Erlebens einer Veränderung zugänglich gemacht werden kann. Mit Hilfe spezifischer Methoden unterstützt die Therapeutin den Patienten, Zugang zu einer gesünderen emotionalen Reaktion, einer primär adaptiven Emotion, wie zum Beispiel grenzensetzendem Ärger, zu erlangen. Dieses Gefühl hilft ihm, sich seines eigenen Wertes und seiner eigenen Bedürfnisse bewusst zu werden und diese anderen gegenüber aktiv zu behaupten.
Auf diese Weise wird eine maladaptive emotionale Reaktion durch eine adaptivere emotionale Reaktion verändert. Dieser Prozess – die Veränderung einer maladaptiven Emotion durch die Aktivierung einer mit ihr unvereinbaren adaptiveren emotionalen Reaktion – spielt eine zentrale Rolle im Ansatz der Emotionsfokussierten Therapie. Der Patient hat seinem Schamgefühl nun einen gesünderen emotionalen Prozess entgegenzusetzen und so die Möglichkeit, flexibler auf Belastungssituationen zu reagieren.
Dies ist ein Beispiel für einen möglichen Therapieprozess. Es sind jedoch zahlreiche andere, zum Teil wesentlich komplexere, emotionale Verläufe möglich. Jeder Patient durchläuft seinen eigenen emotionalen Veränderungsprozess.
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